Jagdzeiten zwischen Waldschutz, Tierwohl und Tradition
Von Volker Seifert
Ein Plädoyer für eine stärker saisonal fokussierte Bejagung
Die Diskussion um geeignete Jagdzeiten ist so alt wie die moderne Forst- und Wildtierbewirtschaftung selbst. Sie gewinnt derzeit erneut an Brisanz, nicht zuletzt durch die Ausweitung der Jagdzeiten in mehreren Bundesländern und den zunehmenden Einsatz technischer Hilfsmittel. Dabei zeigt sich: Eine rein auf Effizienz ausgerichtete Bejagung kann leicht in Konflikt mit ökologischen und tierschutzfachlichen Grundsätzen geraten.
Bejagung bei Nacht – Technik versus Rückzugsräume
Die zunehmende Verbreitung von Nachtzieltechnik hat die Möglichkeiten der Wildbewirtschaftung erheblich erweitert. Gleichwohl ist ihr Einsatz kritisch zu sehen. Nächtliche Bejagung nimmt den Tieren ihren letzten störungsarmen Rückzugsraum. Insbesondere in mondlosen Nächten finden Wildtiere bislang eine Phase relativer Ruhe. Wird auch diese durch technische Hilfsmittel gestört, ist mit zusätzlichem Stress und veränderten Raum- und Äsungsverhalten zu rechnen. Ob sich dadurch tatsächlich Waldschäden reduzieren lassen, ist bislang nicht belegt – vielmehr ist zu vermuten, dass eine verstärkte Unruhe das Gegenteil bewirken kann.
Dennoch können Nachtzielgeräte in Ausnahmefällen auf kleinen, klar definierten Flächen mit spezifischer Zielsetzung – etwa zur kurzfristigen Vergrämung – einen Beitrag leisten. Ihre flächige oder dauerhafte Anwendung erscheint aus ökologischer und ethischer Sicht jedoch problematisch.
Jagdzeiten im Jahresverlauf – zwischen Effektivität und Biologie
In vielen Regionen ist in den vergangenen Jahren eine schleichende Verlängerung der Jagdzeiten zu beobachten. Was einst im Spätherbst endete, reicht heute häufig bis in den Januar oder gar das Frühjahr hinein. Untersuchungen von Arnold und anderen (1980er bis 2000er Jahre) zeigen jedoch deutlich, dass gerade der Januar eine Phase notwendiger Jagdruhe ist. In dieser Zeit benötigt das Wild Ruhe, um Energiereserven zu schonen und die winterliche Belastung zu überstehen.
Besonders kritisch ist eine Ausweitung der Jagd in das Frühjahr hinein. Ein Blick auf die physiologische Situation des Schalenwildes zeigt, dass die Tiere im April geschwächt aus dem Winter kommen und auf das erste Grün angewiesen sind. In dieser Phase decken sie ihren hohen Nahrungsbedarf bevorzugt auf Offenflächen. Wird in dieser Zeit bejagt, führt die Störung unweigerlich dazu, dass die Tiere im Wald verbleiben – und dort junge Bäume und Knospen verbeißen. Frühjahrsjagd bedeutet somit nicht selten eine zusätzliche Belastung des Waldes, anstatt Verbiss zu verringern.
Tierwohl und Tierschutz im Mai und Juni
Zwei Monate später, im Mai und Juni, tritt ein weiteres Problem hinzu. In dieser Zeit setzen Ricken und Alttiere ihre Jungen. Eine Bejagung von Schmalrehen und Schmaltieren birgt das erhebliche Risiko, führende Tiere zu erlegen. Besonders für unerfahrene Jägerinnen und Jäger ist die Unterscheidung zwischen führendem und nichtführendem Stück oft schwierig. Die Folge sind verwaiste Jungtiere – ein klarer Verstoß gegen den Grundsatz des Tierschutzes. Aus fachlicher Sicht kann daher eine Frühjahrsbejagung in diesen Monaten weder biologisch noch ethisch gerechtfertigt werden.
Ein Plädoyer für die Konzentration auf die zweite Jahreshälfte
Vor diesem Hintergrund erscheint eine Synchronisierung der Jagdzeiten auf die zweite Jahreshälfte – etwa von August bis Dezember – als sinnvolle Option. In dieser Periode lassen sich alle Schalenwildarten effizient bejagen, ohne die kritischen Phasen des Frühjahrs zu beeinträchtigen. Auch wenn damit die frühzeitigen Intervalle der Intervallbejagung eingeschränkt werden, überwiegen die Vorteile: weniger Störung, geringere Verbissbelastung und ein höheres Maß an Rücksicht auf das Tierwohl.
Tradition und Emotion – der Maibock als Sonderfall
Einzig die Maibockjagd bleibt aus kultureller Sicht ein Sonderthema. Für viele Jägerinnen und Jäger markiert sie den Beginn des jagdlichen Jahres und hat einen hohen emotionalen Wert. Aus forstbetrieblicher Sicht ist sie jedoch entbehrlich. In der professionellen Forstwirtschaft steht die Funktionalität der Jagd im Vordergrund, nicht das jagdliche Erlebnis.
Fazit
Eine Verkürzung und Fokussierung der Jagdzeiten – insbesondere der Verzicht auf Bejagung in den Monaten Januar sowie April bis Juni – kann entscheidend dazu beitragen, Waldökosysteme zu entlasten und gleichzeitig dem Anspruch an Tierwohl und Jagdethik gerecht zu werden. Eine zeitlich konzentrierte Bejagung in der zweiten Jahreshälfte verspricht, sowohl ökologisch als auch forstwirtschaftlich nachhaltigere Ergebnisse zu erzielen.
Quellen
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Arnold, W. „Jagdzeiten verkürzen!“ – über Energiehaushalt und Beunruhigung im Winterwild. (PDF) rothirsch.org
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Deutscher Jagdverband (DJV). Handlungsempfehlungen zur Bejagung und Jagdzeitgestaltung. Januar 2023. Deutscher Jagdverband
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LAVe NRW (Landesamt für Umwelt, Natur und Forst NRW). Schalenwildkonzept Wiederbewaldung. (PDF) lave.nrw.de
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Wildbiologische und jagdtechnische Aspekte (Uni Kassel / Forschungsprojekte). Universität Kassel
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Freiherr v. Münchhausen, H., Kinser, A. „Zum Umgang mit Rotwild in Deutschland – zwischen jagdlicher Praxis und moralischer Verantwortung.“ Deutsche Wildtier Stiftung (u. a.). rothirsch.org