Zwischen Tradition und Technik – Wo steht die deutsche Jagdkultur?
Von Joachim Orbach
Die Jagd in Deutschland ist mehr als Hege, Wildbewirtschaftung und Schuss. Sie ist Ausdruck einer jahrhundertealten Kultur – geprägt von Verantwortung, Leidenschaft und Achtung vor der Natur. Doch wie steht es um diese Jagdkultur heute? Hierzu habe ich die Wildbiologin Dr. Christine Miller, den Jagdethiker Dieter Stahmann und den langjährigen Berufsjäger Wildmeister Dieter Bertram die nachfolgenden Fragen gestellt und um ihre Meinung gebeten.
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Wie sehen Sie den Erhalt der deutschen Jagdkultur in der Zukunft?
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Was können / sollten unsere Jagdverbände tun, um unsere Jagdkultur zu erhalten?
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Was können oder sollten unsere Jagdzeitungen zum Erhalt unserer Jagdkultur leisten?
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Sollte in der Jungjägerausbildung verstärkt auch zum Erhalt der Jagdkultur unterrichtet werden?
Meinung von Dr. Christine Miller
Erhalten kann man nur etwas, das noch lebt. Wie in dem schönen Vergleich, dass Tradition – ebenso wie die Tradition des jagdkulturellen Erbes – eben nicht die Bewahrung der Asche bedeutet, sondern die Weitergabe einer brennenden Fackel. Ob die Fackel der deutschen (oder österreichischen) Jagdkultur noch lodert oder ob wir nur noch einen leisen verglimmenden Span sehen, vermag ich nicht zu beurteilen. Ein helles Licht strahlt von der Jagdkultur heute aber meiner Einschätzung nach nicht mehr aus.
Jagdkultur ergibt sich aus einer inneren Haltung zur Jagd und allen damit verbundenen Handlungen, zu den bejagten Wildtieren und der Natur, in der diese leben. Jagdverbände und Jagdvereinigungen sollten meiner Meinung nach verbindliche Standards formulieren, die diese Haltung widerspiegeln. Verstöße durch Mitglieder der Verbände ebenso wie durch alle jagdlich tätigen Personen sollten dokumentiert werden; Verstöße gegen diese Standards müssen Konsequenzen haben – von der Anzeige bis zum Ausschluss eines Mitglieds.
Jagdzeitungen sind der Spiegel ihrer Leser. Sie schreiben über das, was die Käufer der Zeitung wissen und konsumieren wollen. Ich sehe für Jagdzeitungen nur insoweit eine Verantwortung, als dass sie zumindest klare Grenzen für ihre Berichterstattung ziehen. Aber neben der Pflicht zur journalistischen Sorgfalt und der objektiven Darstellung von Sachverhalten sehe ich keine Möglichkeit, dass Jagdzeitungen (oder ihre modernen Varianten in den sozialen / Online-Medien) die Jäger in eine bestimmte Richtung „erziehen“ können, die diese nicht selbst befürworten. Die Jäger haben die Zeitungen und Medien, die sie verdienen.
Solange der Begriff „Jagdkultur“ die innere Haltung des Jägers zu seinem Tun bedeutet und von den Ausbildern auch gelebt wird, finde ich, dass eben diese Jagdkultur essentieller Bestandteil der Jungjägerausbildung ist. Wenn die Leiter von Jagdschulen oder die Ausbilder tierschutzwidrige und jagdethisch fragwürdige Praktiken selbst anwenden – sei es auf Massen-Drückjagden, bei denen Wild gehetzt und Muttertierschutz missachtet wird, sei es bei der schrankenlosen Jagd zur Nacht, am Kirrhaufen und während der gesetzlichen Schonzeit, sei es bei „sportlichen“ Weit- und Bewegtschüssen auf Schalenwild – dann brauchen sie auch keine Alibi-Stunden in Jagdethik in die Ausbildung einbauen. Der einzig sinnvolle Unterricht in Jagdethik ist das konsequente Leben dieses Anspruchs.
Meinung von Dieter Stahmann
Die deutschen Jäger haben ein Problem mit ihrem Selbstverständnis und deshalb kein klares Verhältnis zu ihrer Jagdkultur. Die gängige Definition der Jagd in Deutschland ist „(nachhaltige) Nutzung natürlicher Ressourcen“ (Präambel der Satzung des Deutschen Jagdverbandes). Aber der deutsche Jäger jagt heute nur sekundär wegen der Nutzung des Wildbrets; seine Motivation ist die Jagdleidenschaft. Die Definition des DJV erscheint aus Gründen der Öffentlichkeitsarbeit allerdings günstiger. Aus den gleichen Gründen kam es auch zur Definition „Jagd ist angewandter Naturschutz“. Beides ist sachlich richtig, erklärt aber die Jagd allein aus naturwissenschaftlicher (ökologischer) Sicht und vernachlässigt die Jagd als menschliches Handeln (Jagdleidenschaft, Töten von Tieren) mit all seinen seelischen Bewegungen wie Anschauung, Naturkenntnis, Bewunderung, Moral, Freude usw. (Werteethik). Damit wird der Jagdkultur die Grundlage entzogen. Das rein mechanistische Denken der Naturwissenschaft unterstützt zudem das Wesen der Technik als sachliches Hilfsmittel und fördert damit seine kritiklose Anwendung.
Die Jagdkultur wird nur dann nicht zu einer musealen Einrichtung werden, wenn die Jäger sich zu ihrer Jagdleidenschaft bekennen. Ein Weg dazu ist die „Teilhabe-Ethik“, in der die Freude eines Menschen an seiner Handlung positiv gesehen wird, sofern sie zur allgemeinen Wohlfahrt beiträgt und damit auch anderen nützt. Vorausgesetzt ist, dass der Jäger seine Verantwortung für die Natur aus seiner Geschichte versteht. Diese Probleme werden in meinem neuen Buch „Ethik für Jäger“ ausführlich behandelt.
Die Jagdphilosophie in Deutschland hat bisher ohne den DJV stattgefunden; der Literaturpreis wurde typischerweise zugunsten eines Öffentlichkeitspreises abgeschafft. Neben den vielen ökologischen und biologischen Arbeitskreisen sollte es auch einen philosophischen geben – was sachlich, aber persönlich sehr schwer sein wird.
Die Öffentlichkeitsarbeit ist gut, aber sie sollte auch die höhere Ebene erreichen – etwa Redakteure und Kulturwissenschaftler. Dazu ist eine klare Stellung zur Motivation (Jagdleidenschaft) erforderlich.
Eine wenig erfreuliche Entwicklung ist seit mehreren Jahren bei den Jagdzeitungen (mit Ausnahmen) zu beobachten, indem offensichtlich ihre Marketing-Politik auf die soziologische Entwicklung der Erlebnisgesellschaft (Gerhard Schulze 1992) abgestellt wurde. Ein Redakteur sagte mir dazu vor einiger Zeit: „Bitte keine Besinnungsaufsätze mehr!“ Der Text ist heute ganz auf die Jagd als Erlebnisprojekt abgestellt, denn wenn man teure Anzeigen für Waffen und Optik einwerben will, muss man auch entsprechende Geschichten anbieten. Das gilt entsprechend auch für Jagdreisen und Jagdmessen. Die Verleger sind Geschäftsleute, und wenn die seelisch-kulturelle Richtung nicht aktuell wird, bleibt sie uninteressant.
Was nicht geprüft wird, wird auch nicht gelernt und ist für die Prüflinge Zeitverschwendung. Eine mündliche Diskussion über Ursprung, Definition, Motivation, Ethik und auch Jagdliteratur wäre allerdings erfreulich, wenn eine gute Darstellung (vom DJV!) geschaffen wird und fähige Prüfer und Referenten vorhanden sind. Man kann allerdings wegen Mangels an Philosophie keinen Prüfling durchfallen lassen.
Meinung von Wildmeister Dieter Bertram
Neben punktuellen Bemühungen zum Erhalt der Jagdkultur ist die Jagdkultur abhandengekommen.
Aussage des Gründers „Forum lebendige Jagdkultur“ Prof. Dr. Dr. Dieter Voth: „Im deutschen Sprachraum scheint Jagdkultur – anders als früher – aus dem gesamtkulturellen Interessenfeld seit Jahrzehnten ausgegrenzt zu sein.“
Hunderte Hubertusmessen können allein nicht der Jagdkultur dienen. Durch die Stagnation der großen jagdlichen Organisationen im Zusammenhang mit der jagdkulturellen Weiterentwicklung stellen sich für das Forum lebendige Jagdkultur, den Steinfelder Kreis und befreundete Organisationen Aufgaben für die Zukunft.
Den Jagdverbänden mit einer großartigen Geschichte sind vor geraumer Zeit die Persönlichkeiten und Inhalte abhandengekommen. Als Berufsjäger war der Unterzeichner das Aushängeschild der Jagdverbände in nahezu allen Ausschüssen von der Hegering- bis zur Bundesebene.
Fehlentwicklungen der Verbände für Wild, Jagd und Jäger über Jahrzehnte nicht zu erkennen, geschweige denn anzusprechen, grenzte an „Majestätsbeleidigung“. Feindbilder können an Kritikern geschaffen werden. Lediglich der Bayerische Jagdverband hat als Ausnahme dem Unterzeichner eine hohe Wertschätzung entgegengebracht, verbunden mit einer Einladung zu einem mehrstündigen Gespräch mit dem Präsidenten und der Geschäftsstelle.
Trotz punktueller guter Arbeit im Zusammenhang mit Jagdkultur (Beispiel Österreich) ist die Jagd zu technischem Töten verkommen. Alle Warnungen wurden überhört – auch auf die Gefahr hin, dass der Verlust von Jagdkultur den Verlust gesellschaftlicher Legitimation des Jagens bedeutet.
An den Jagdverbänden und ihrer Arbeit wird in der Jagdpresse zunehmend Kritik geübt.
Es müsste eine „Runderneuerung“ der jagdlichen Organisationen geben – für Jagdkultur, für Lebensrecht und Lebensqualität der Wildtiere. Als das Land um die Jagd 1948 am Boden lag, schrieb der Präsident des Deutschen Naturschutzringes Prof. Dr. Hans Krieg in einer Hubertusrede: „Jäger, Weckruf! Jede Nachdenklichkeit kann Werte und Normen beflügeln.“
Der vielseitige Titel seiner Rede „An uns selbst“ hat seine Gültigkeit nicht verloren.
Jagdzeitungen und Literatur hatten in der Vergangenheit hohen Einfluss auf die Jagdkultur, auf den Jäger.
Als „Kriegskind“ und in Ermangelung von Kinderbüchern haben Jagdzeitungen und Jagdbücher mich als Jugendlichen begleitet und geprägt. Ein umfangreiches Archiv alter Jagdzeitungen sind Dokumente.
Neuere Jagdzeitungen sind der verlängerte Arm der Jagdindustrie. Ältere Jäger haben sich von den Jagdzeitungen mit Werbung für technische Aufrüstung verabschiedet. Junge Jäger glauben, im Internet ausreichend „informiert“ zu sein – eine gefährliche Entwicklung, auch für die Jagdzeitungen.
Konkurrenz zur allgemeinen Jagdpresse, die zunehmend kritisch mit den Jagdverbänden umgeht, könnte eine günstige Entwicklung bedeuten.
Außer Bläsertreffen und Hubertusmessen – die zum Teil unter Polizeischutz stehen müssen (auch die DJV-Hauptversammlung 2025 in Köln) – bieten die Mehrzahl der Jagdverbände keinen Platz zum Erhalt der Jagdkultur.
Zahllose Anschreiben, Gesprächsangebote an die Präsidenten der Jagdverbände blieben ausnahmslos unbeantwortet.
In den „Jungen Jägern“, mit denen die „Alten Jäger“ nicht unbegründet kritisch umgehen, liegt die Zukunft der Jagd. Es gehört zu den vornehmsten Aufgaben, die nachwachsenden Jägergenerationen dafür zu gewinnen, was die Natur, die Jagdkultur und die anspruchsvolle Jagd zu bieten haben.
Charakter und Gesinnung können in einer Jägerprüfung nicht geprüft werden.
Es ist müßig, hunderte Beispiele aufzuführen, wo einer nachwachsenden Jägergeneration die Jagdkultur – insbesondere bei Schnellkursen – abhandengekommen ist bzw. gar nicht vorhanden war. Das sogenannte jagdpraktische Jahr wurde ersatzlos gestrichen, ohne Besseres anzubieten.
Für die Zukunft der Jagd ist es bedeutungslos, wenn eine ältere Generation Jagd und Jäger nicht mehr versteht. Es ist nicht bedeutungslos, wenn die Gesellschaft den Jäger nicht mehr versteht und ihm die Gefolgschaft verweigert.
Die in Vergessenheit geratene Jagdkultur könnte zur tragenden Säule werden, wenn sie neben V° und E100, neben seelenloser Tötungstechnik, Werte und Normen zurückgewinnen würde. Hierzu zählt die Geschichte, bedeutende Literatur und Malerei.
Das jagdpraktische Jahr ist für eine zukunftsorientierte Jagd unausweichlich.
Die Zukunft benötigt waidgerechte Jäger, keine Jagdscheininhaber. Mit sofortiger Wirkung sollte Jagdkultur als Unterrichtsfach und Prüfungsfach vermittelt werden.
Die Jägersprache wurde als Prüfungsfach abgeschafft. Wo kommt der Jäger her, wo geht er hin?
Freudige Nachricht eines Jungjägers: „Ich habe bereits drei Böcke umgenietet.“